Das Startup Qwaq in Palo Alto zu finden, ist fast unmöglich: Neben einem Optikergeschäft befindet sich einer schlichter Treppenaufgang ohne irgendwelche Namensschilder. Hinauf passiert man zuerst ein kleines Geschäft mit Brautmoden um dann schließlich in einen engen Arbeitsraum mit alten Möbeln und ein paar Programmierern zu gelangen. Eine freundliche alte Dame bietet sich an, Kaffee aufzusetzen, und stellt einen Teller mit trockenen Keksen auf den Tisch im angrenzenden Besprechungsraum. Dort wartet bereits CEO Greg Nuyens, der sich mit seinem Computer neben einen kleinen Tischventilator gesetzt hat.
BP ist schon ein Kunde
Doch die Umgebung stört den ehemaligen Standford-Absolventen wenig. Der freundliche und versierte Mann arbeitet mit seinen Kollegen (und mit Unterstützung von Konzernen wie Intel) seit dreieinhalb Jahren an einer virtuellen Collaboration-Plattform für Unternehmen. Über tausend große und kleine Kunden hat man schon gefunden, die sich in den virtuellen Räumen, “Qwaq Forums” genannt, treffen. Wichtigste Referenz ist dabei der Ölkonzern BP, der schon vor dem offziellen Launch von Qwap Anwender war.
Login und real anmutende Avatare
Anders als Second Life verzichtet Qwaq auf viele Gimmicks und versucht die Zusammenarbeit und Nutzung so sicher und transparent wie möglich zu machen. So muss sich wie bei Unternehmensanwendungen der Teilnehmer vorab über ein Login authentifizieren. Anders als in Second Life erhalten die Avatare nicht nur reale Namen, sondern sehen ihrem Nutzer auch sehr ähnlich. Hierzu werden vorab aus digitalen Fotos, die der Benutzer schicken muss, die Avatare erzeugt. Zudem können Anwender per E-Mail als Gäste eingeladen werden, haben dann aber keine Nutzerrechte innerhalb des Arbeitsraums.

CEO Greg Nuyens mit Qwap und Ventilator
Ferner können Anwender sich innerhalb des Arbeitsraums in durch virtuelle Milchglasscheiben abgegrenzte Bereiche zurückziehen. Dort können sie dann im kleineren Kreis Punkte besprechen, die nicht für alle Ohren gedacht sind. Das System steuert dabei die Lautstärke so, dass man außerhalb des Séparées nur leises, unverständliches Gemurmel hören kann. Ebenso können sich natürlich einzelne Teilnehmer untereinander Nachrichten schicken, die nicht alle sehen können. Andererseits ist alles andere im Raum für alle hör- und sichtbar.
Keine Spielwiese in Phantasiewelten
Die Umgebung sei keine Spielwiese, sondern soll ganz der Zusammenarbeit dienen: “Get real work done” wie Nuyens mit einem Seitenhieb auf Second Life es ausdrückt. Anwendungsgebiete sind Gespräche mit Kunden, Partnern in der Lieferkette sowie verteilte Teams. So lassen sich beispielsweise Dokumente und Bilder per drag-and-drop vom lokalen Rechner des Nutzers an eine Wand im virtuellen Arbeitsraum verschieben, wo sie alle Teilnehmer betrachten und besprechen können. Neben der Audio-Unterstützung ist auch die Nutzung von Webcams möglich.
Ebenso ist es möglich, erste Collaboration-Anwendungen wie Microsoft Sharepoint aus der Umgebung heraus zu starten. Hierfür gibt es eine offene Schnittstelle, an der derzeit alle Vertreter der 3D-Welten arbeiten. Ziel ist es, eine möglichst breite Integration und Erweiterung der Umgebung über Plugins zu ermöglichen. Manche Vetreter sprechen daher bereist von 3D-Mashups. Einen Test sowie einen Screencast zu Qwaq hat Bernd Schmitz in seinem Blog veröffentlicht.
Verteilte Rechnerarchitektur
Dank der verteilten Rechnerarchitektur von Qwap, findet ein Großteil der Verarbeitung und Speicherung von Diskussionsinhalten auf den lokalen Clients (mit Standardausstattung unter Windows und Macintosh) statt. Der Server erhält nur eine Kopie, die er für spätere Sitzungen vorhalten kann.
Noch ist Qwaq im Entstehen und man lerne aus der Praxis immer mehr dazu. So its als Nächstes die Integration von Telefonie und weiterer Content-Repositories geplant. Ferner empfiehlt Nuyens beispielsweise, keine Treffen mit mehr als 15 Avantaren zu organisieren, damit es übersichtlich bliebt. “Schwieriger ist es, die Leute davon abzuhalten, als Avatar herumzulaufen und alles anzufassen”, lacht Nuyens.
Oft allerdings wollen Kunden gar kein Avatar sein, sondern bevorzugen ein Standbild von sich. Auch sieht er andere Formen der Zusammenarbeit wie Treffen über Dienste wie “Webex”, Telefonkonferenzen auch Videokonferenzen durchaus als Konkurrenz. Aber eine virtuelle Umgebung wie Qwaq schaffe eine “Awareness of Presence”, will sagen: man sieht und vertraut sich und kann alle Inhalte gemeinsam und für alle sichtbar benutzen. Nächstes Jahr kommt Qwap auf die CeBIT.
Forterra -read it from my lips
Eigentlich könnte man das eben Geschilderte genauso über das Startup Forterra sagen. Wir trafen Chris Badger, Vice President Marketing, in einem kleinen Hotelsaal in der Nähe von San José. Auch sein Unternehmen mit derzeit 65 Mitarbietern habe seine Urspünge in Stanford und arbeite mit Intel zusammen. Als Zielgruppe der Plattform “Olive” wolle man sich aber ganz auf die großen Konzerne der Welt konzentrieren. Bisher sei man vor allem in den USA unterwegs, es gebe aber in London auch eine erste europäische Anlaufstelle.
Ergänzend zum Nuyens betonte Badger, dass virtuelle Welten und3D-Mashups Szenarien darstellen könnten, die sich in der Wirklichkeit nicht umsetzen lassen. Beispiele seien das Durchspielen von Gefahrensituationen oder auch einfach die Möglichkeit, in der virtuellen Gruppe verschiedene Medien und Dokumente zeitgleich nutzen zu können. Das US-Verteidigungsministerium trainiert mit Forterra auch Kriegsszenarien.
Olive biete offenbar eine Architektur wie Qwap, die sich über Plugins erweitern lässt. Ein Beispiel hierfür ist die Integration von “Lotus Sametime”. Ansonsten gebe es auch hier zahlreiche Funktionen, die eine Zusammenarbeit erleichtern sollen. Neben dem sicheren Login sind dies unter anderem solche für ein Meeting-Management, 3D-Audio, 2D & 3D-Darstellung oder Aufnahme und Wiedergabe von Gesprächen etc.. Der aktuelle Client sei mit 75 MB noch viel zu mächtig, räumt Badger ein.
Man arbeite daher -wie alle Anbieter- an schlanken Browser-basierenden Alternativen, die nur noch die Installation eines kleinen PLugins erfordern. Vielleicht zum Schluss noch ein nettes Feature, dass Second Life nicht hat: der Avatar sieht nicht nur der realen Person ähnlich, er bewegt auch die Lippen, wenn der Benutzer mit den anderen Teilnehmern spricht.
Fressen die großen Hersteller die kleinen Spezialisten?
Noch ist nicht klar, was aus dem Markt für virtuelle Umgebungen wird. Dieser soll derzeit ein Volumen von rund 75 Millionen Dollar haben. Ich denke, er wird sich weiterentwickeln. Die Anbieter lernen nicht zuletzt von den Fehlern von Linden Lab und setzen auch technsich Akzente. Momentan sehen die Umgebungen allerdings noch oft wie Videospiele vor zehn Jahren aus.
Das Interesse an integrierten Collaborationen- und Kommunikationsplattformen ist aber riesig. Große Hersteller wie IBM, Microsoft, Oracle oder Cisco haben diesen Markt längst entdeckt. Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass am Ende dreidimensionale Meeting-Räume Teil dieser Plattformen für Unified Communications werden. Die kleinen Spezialisten wie Qwap oder Forterra werden dabei wohl geschluckt, was auch Chris Badger für realistisch hält.
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